Jubilation

Die häßliche Uhr auf dem Trafalgar Square tickt: In 72 Tagen gehen die Olympischen Spiele los und dann steigt in London das größte Sportfest der Welt. England braucht diese internationale Aufmerksamkeit. Die Wirtschaft läuft nicht so, wie man sich das vorgestellt hatte. Auch wenn selbstverständlich Europa Schuld trägt, ist doch das Selbstverständnis der eigenen Größe durch die finanzielle Lage etwas irritiert. Zuletzt schien das Land international nicht mehr richtig ernst genommen zu werden. Zum Glück aber gibt es Olympia und die Welt wird wieder auf dieses Land schauen und die Wirtschaft wieder in Gang bringen.

Wenn das nicht reichen sollte, gibt es in diesem Jahr noch ein zweites Ereignis, das wenigsten die eigenen Landsleute in Begeisterung versetzt und die Länder des Commonwealth zu Verehrung verpflichtet: Das 60. Thronjubiläum von Queen Elizabeth II. Hier ist die niedliche offizielle Webseite: www.thamesdiamondjubileepageant.org

Die 84jährige Königin ist fast so lange wie die Rekordhalterin Queen Viktoria auf dem Thron und absolviert noch heute ein Arbeitspensum mit mehr Terminen als das Jahr Tage hat. In der Post-Diana Ära scheint sie entspannter und großzügiger geworden zu sein und ihre Familie, besonders die Enkel, aktiv zu unterstützen und einzubeziehen. Ihre in den Jahrzehnten gepflegte kühle Haltung hat auch Ruhe und Kontinuität gebracht und das Königshaus im 20. und 21. Jahrhundert als überparteiliche nationale Institution gestärkt. Vor dieser Dame kann man heute Respekt haben und ihr gratulieren.

Anfang Juni wird die 60jährige Regentschaft der Queen 4 Tage lang gefeiert. Das Volk bekommt zwei Feiertage geschenkt. Geplant ist unter anderem eine Parade auf der Themse im Stile früherer Jahrhunderte. Für dieses diamantene Jubiläum wird es die größte je auf diesem Fluß gesehene Feier werden mit hunderten prächtig geschmückter Boote, angeführt von der aus diesem Anlaß neu gebauten königlichen Barke (unten als Model).

Am letzten Wochenende wurde im königlichen Wohnsitz Windsor bereits vorgefeiert: Zu Ehren der Königin wurde 4 Tage lang eine Gala mit Pferden veranstaltet. Die größte Leidenschaft der Queen sind Pferde, sie reitet bis heute, besitzt einen eigenen Rennstall und ihre Lieblingsfamilienmitglieder sind aktive Reiter. Es war daher eine passende Veranstaltung.

Doch was sich im beschaulichen Windsor und auf dem Privatgrund der Königin ereignete kam offenbar eher einem Spektakel der Antike nahe. Jedenfalls glaubt man nicht an eine Beschreibung aus dem 21. Jahrhundert wenn es heißt, zu Ehren der Queen seien hunderte von Pferden und eintausend Tänzer aus allen Teilen der Welt und des Commonwealth  gekommen.

Manche Pferde wurden per Flugzeug, andere wochenlang auf dem Landweg nach England gebracht. Auch logistisch ein riesiges Unternehmen. Tänzer aus Chile, Kenia, von den Cook Islands und von den Maori traten im traditionellen Kostüm mit Bändern oder Muscheln geschmückt auf. Pakistanische, kanadische, russische Armee und Polizei, italienische Carabinieri, Reiter aus dem Oman, Aserbaidschan ritten in Uniform ein.

Man denkt zurück in Zeiten und Länder, in denen Königreiche und Unterworfene durch Darbietungen mit Pferden und Paraden ihre Loyalität bekundeten. Man denkt an Persien, Rom, Byzanz. Oder man ist an eine Szene aus Lawrence von Arabien erinnert, als der arabische Beduinenführer (gespielt von Anthony Quinn) verzweifelt nach ehrenvoller Beute sucht und sie erst in einer Herde Araberpferde findet.

Offenbar sind Mensch und Pferd bis heute die höchste Form, Herrschaft edel und kraftvoll zu präsentieren. Pferd und Reiter in derartiger Anzahl anreisen zu lassen, um der Königin der ehemals größten Kolonialmacht die Ehre zu erweisen hat etwas sehr Altertümliches. Das hat das Land gern, gerade jetzt.

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David Hockney in der Royal Academy

Londons Ausstellung des Jahres 2012 ist bereits jetzt zu sehen: David Hockney: A bigger picture in der Royal Academy.David Hockney Winter Timber 2009Diese Ausstellung hat sich eine Woche nach seiner Eröffnung zum Publikumsliebling entwickelt und die Schlangen gehen an einem Samstag quer durch den ganzen Hof der Akademie. Anzustellen lohnt sich aber, es ist eine fantastische und begeisternde Ausstellung. Zu sehen sind großformatige Landschaftsbilder, die Hockney in den letzten Jahren in seiner Heimat Yorkshire gemalt hat.

David Hockney A bigger Splash 1967Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf sein wohl berühmtestes Bild A bigger Splash aus den Sechziger Jahren, aus der damals in Los Angeles entstandenen Swimmingpool-Serie.

Hockney kam 2000 zurück nach England und wurde offenbar von Schönheit und Eigenheit der heimatlichen Landschaft gefangen genommen. Die Gemälde entstanden sowohl in England als auch in den USA aus der Erinnerung. Und sie dröhnen! Es ist kaum zu fassen, wie dieser ältere Herr eine derartige Kraft und Energie auf die Leinwand bringen kann. Die Farben und Formen sind unglaublich packend und begeisternd. Ungefähr so muss es den Zeitgenossen des alten Henri Matisse gegangen sein, als er mit seinem Spätwerk noch einmal Kunstgeschichte schrieb. Hier passiert es wieder.

"The Arrival of Spring in Woldgate, East Yorkshire in 2011 (twenty-eleven)"Die Ausstellung ist ein großartiger Erfolg. Die Besucher aller Generationen laufen durch die Räume wie in einem Rausch und freuen sich an den Bildern. Jeder Raum steigert das Erlebnis des letzten. Zum Schluß sind 51 auf dem Ipad entstandene Werke zu sehen, sowie eine Reihe von Filmen des Künstlers. GO SEE! bis zum 9. April in der Royal Academy.

www.royalacademy.org.uk/exhibitions/hockney/

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* * * MERRY CHRISTMAS * * *

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Angriff auf die Yellow Press

Die Engländer üben den Aufstand. Schon seit ein paar Jahren hatte es rumort, jetzt passiert es endlich: Die Yellow Press wird angegriffen. Eine Zeitung, die News of the World aus Rupert Murdochs Portfolio, wurde bereits eingestellt, andere wie die Daily Mail oder die Sun werden auch schon genannt.

Die Leveson Inquiry, ein Untersuchungsausschuss mit dem Vorsitzenden Lord Leveson, hört seit einigen Wochen Opfer und Täter in einem Presseskandal, in dem es um abgehörte Telefone, gehackte Computer und weitere Formen der Spionage und Verfolgung durch Reporter geht. Nachdem es in den letzten Jahren gelegentlich Verurteilungen von Reportern und Journalisten gab, die mit illegalen Abhörmethoden an exklusive Stories gekommen waren, erfährt die Öffentlichkeit seit dem Sommer, welches Ausmaß diese Machenschaften tatsächlich haben und wie sie zum üblichen Geschäft geworden sind.

Vor einigen Monaten hatte u.a. die Schauspielerin Sienna Miller vor Gericht gegen News of the World und Rupert Murdochs Mediengruppe News International geklagt und gewonnen. Ihr Mobiltelefon und die dazugehörige Mailbox waren gehackt und der Inhalt in reißerischen Exklusiv Stories veröffentlicht worden. In diesem wie auch in vergangenen Fällen hatte News of the World Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter gesprochen und diese schnell entlassen. Bis zu 1 Millionen Pfund wurden an Opfer gezahlt, um die Gerichtsverhandlungen abzukürzen und weitere Fragen zu verhindern. Doch diese Fragen wurden gestellt. In den vorhandenen Gerichtsunterlagen wurden Belege dafür gefunden, daß Redakteure und Chefredakteure von den offenbar üblichen Methoden wußten.

Schon 2007 hatte der damalige Chefredakteur der News of the World Andy Coulson nach der Verurteilung eines ihm unterstellten Kollegen bei der Zeitung gekündigt. Trotz Warnungen nahm David Cameron ihn anschließend als Kommunikationsdirektor in sein Team. Im Januar 2011 mußte Coulson unter dem öffentlichen Druck auch diesen Posten räumen (die Blamage über diese persönliche Fehlentscheidung blieb für Cameron ohne Folgen). Heute gibt ein ehemaliger Kollege zu Protokoll, daß die Methoden durch Coulson und den Vorgänger Piers Morgan (heute ein Star-Moderator im amerikanischen Fernsehen) unterstützt und eingeführt wurden.

Im Herbst diesen Jahres wurden sogar Murdoch Junior und Senior vor einen Ausschuß gerufen. Kurz darauf wurde News of the World eingstellt. Doch die Geschichte geht weiter denn sie ist damit noch nicht aufgeklärt. Und sie ist viel größer. Inzwischen werden die Namen Daily Mail, Mail on Sunday und einige mehr genannt.

Eine großartige Hauptrolle spielt Hugh Grant, der den ganzen Herbst auf allen Wegen, sogar auf den (sichtlich ermüdenden) Parteitagen aller Parteien, für eine weitere Aufklärung gekämpft hat (hier in Video vom Labour Parteitag. Sein leidenschaftlicher und erstaunlich kenntnisreicher und professioneller Einsatz hat ihm viel Respekt eingebracht, der Guardian titelte Hugh Grant’s phone-hacking role is his greatest yet. Dabei hat er keineswegs nur für sich gekämpft, denn die Opferliste ist lang und schrecklich. Nicht nur ehebrechende Fussballer, Politiker oder Schauspieler sind darunter, sondern auch Mordopfer und deren Angehörige, deren Geschichten schon tragisch genug waren. Als bekannt wurde, dass auch das Handy des Mordopfers Milly Dowler gehackt worden war, während das Mädchen noch gesucht wurde, kippte die Stimmung in der Öffentlichkeit endgültig. Die Eltern dachten, ihre Tochter höre ihre Nachrichten selbst ab und glaubten, sie sei noch am Leben.

Schrecklich sind in vielen Fällen auch die Folgen der Abhörungen, denn die Opfer wussten lange Zeit nicht, wie privateste Geschichten auf Titelseiten gelangten und begannen, ihrer nächsten Umgebung zu mißtrauen. Die ehemalige Beraterin von Elle Macpherson beispielsweise wurde entlassen, weil das Supermodel ihr nicht mehr traute. Private Details waren auch hier auf die Titelseite gekommen und Macpherson fand als einzige Erklärung eine unehrliche Beraterin. Als diese die Vorwürfe abstritt, wurde sie gezwungen, sich wegen angeblicher Alkoholprobleme in einer psychiatrischen Klinik behandeln zu lassen (in der sich das Supermodel zuvor selbst befunden hatte). Kurz darauf wurde sie entlassen. Sie brauchte Jahre, um aus der Arbeitslosigkeit zu finden und sich von den psychischen Folgen zu erholen. Erst jetzt wird ihr geglaubt (Elle Macpherson hat sich bei ihr aber offenbar noch nicht gemeldet).

J.K. Rowling, die Autorin der Harry Potter Bücher, fand vor einigen Jahren eine Botschaft eines Reporters im Schulranzen ihrer damals fünf Jahre alten Tochter und berichtete, wie sie einmal eine ganze Woche nicht das Haus verlassen konnte, weil die Belagerung durch Paparazzi so massiv geworden war.

Auch ehemalige Reporter werden gehört. Paul Mcmullan, der inzwischen einen Pub betreibt, schien es regelrecht zu genießen, die alten Geschichten zu erzählen. Er habe die Verfolgungsjagden absolut geliebt, sagte er, und bis Diana starb hätten sie alle sehr viel Spaß gehabt. Er konnte berichten, daß alle, inklusive der Chefredakteure von den Machenschaften wußten und sie förderten. In den 21 Jahren, in denen er in das Privatleben anderer Menschen eingedrungen sei, habe er dort niemals Gutes gefunden, sagte er verteidigend. Offenbar sieht er sich bis heute als großer Aufklärer. Nur eine seiner Stories bereut er: Die entwürdigende Geschichte über die auf der Straße bettelnde und sich prostituierende Tochter eines bekannten Schauspielers, die sich kurz nach der Veröffentlichung den goldenen Schuß versetzte und starb.

Doch nun scheint sich das Blatt zu wenden. Hoffentlich wird man bald Schlagzeilen wie diese von 2008 nur noch selten sehen, selbst wenn sie stimmen. Der frühere Formel 1 Chef Max Mosley, Sohn des Gründers der British Union of Fascists in den 1930er Jahren, wurde von News of the World sogar noch nach Erscheinen dieser Schlagzeile mit der Veröffentlichung eines Videos des Geschehens erpreßt. Offenbar war er im Auftrag der Zeitung von einem Detektiv beschattet worden. Mosley bestritt allein den Nazi-Zusammenhang und bestand darauf, daß sein Sexualleben Privatsache ist. Eine große entsprechende Klage gewann er.

Die Zeugenliste ist lang und kann auf der Webseite des Ausschusses zusammen mit allen Hintergründen eingesehen werden: www.levesoninquiry.org.uk

Nun ist die britische Öffentlichkeit höchst gespannt, welche Folgen die Untersuchung haben wird. Vermutlich wird Lord Leveson ein neues Gesetz empfehlen. Doch der Wandel muss auch in der Öffentlichkeit selbst stattfinden, die süchtig nach Skandalen ist. Und es darf nicht sein, daß ein zweitklassiger Reporter mit einer fabrizierten Geschichte den Ruf und den Verstand eines Menschen zerstören kann. Wie es aussieht werden es Zeitungen und Verlage in der Zukunft aber schwerer haben, das Gesetz zu brechen und routinemäßig Abhörung und Verfolgung zu betreiben. Vielleicht werden die großen Summen, die dafür eingesetzt wurden, nun für eine neue Gehaltsregelung von Reportern genutzt, die das Einkommen unabhängig von der Ablieferung reißerischer Stories regelt.

Hier sind alle genannten Aussagen der Zeugen als Videos zu finden: http://www.guardian.co.uk/media/series/leveson-inquiry-evidence

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Gesamtkunstwerk

Letzte Woche wurde die Ausstellung Gesamtkunstwerk in der Saatchi Gallery eröffnet. In dem großen hellen Haus waren hunderte Menschen unterwegs. Unter den Besuchern waren einige halb bekannte Gesichter, aber eigentlich niemand wirklich Prominentes. Seltsamerweise war auch überhaupt kein Deutsch zu hören. Erst im obersten der vier Stockwerke, vor der Wand mit Steckbriefen und Fotos der Künstler, änderte sich das. Ich hatte gerade ganz überrascht jemanden aus meiner Schulzeit unter den Künstlern erkannt, als aus einer Gruppe neben uns jemand auch auf deutsch rief „ach cool, den kenne ich, mit dem war ich mal ein Bier trinken„.

Während einige Künstler in London gut bekannt sind wie Isa Genzken, Josephine Meckseper, Friedrich Kunath (der erst vor kurzem eine Einzelausstellung bei White Cube hatte) oder Andre Butzer und Gert & Uwe Tobias, sind andere noch nicht oft zu sehen gewesen. Es werden nicht nur die absoluten Topstars der deutschen Szene gezeigt, aber wohl alle waren schon in größeren Galerien oder auf Messen zu sehen.

        

Auf der Frieze waren mir zwei Künstler wieder aufgefallen, die hier auch vertreten sind: Volker Hueller (Produzentengalerie Hamburg und Timothy Taylor London) und der Bremer Max Frisinger (CFA Berlin). Wie ich nun merke, waren beide Schüler des großartigen Norbert Schwontkowski, der in Hamburg unterrichtet. Von Volker Hueller hängen hier mit Aquarell überarbeite Radierungen, die an Horst Janssen erinnern. Auch zwei große Gemälde von ihm sind zu sehen, die in einer ähnlichen Tonlage spielen. Max Frisingers Vitrinen wirken wie dreidimensional gebauter Kubismus und erinnern daneben an Dadakünstler wie Kurt Schwitters. Es sind scheinbar müllige aber tatsächlich wunderbar komponierte abstrakte Wimmelbilder.

Der Star der Ausstellung ist vielleicht Josephine Meckseper mit ihren Schaukästen und einem Schuhständer. Besonders begeistert standen klassicherweise Frauen aller Länder und aller Altersstufen davor. Viele mußten beim Anblick der Auslagen lachen. Man fühlt sich an Vitrinen der 80er Jahre in verlassen Orten wie UBahnstationen oder Fussgängerpassagen erinnert, die es auch heute noch an Orten wie Berlin Neukölln gibt. Die Preise in den Schuhen waren in Euro angegeben.

In den riesigen Hallen werden außerdem Werke von Dirk Bell, Alexandra Bircken, Zhivago Duncan, Ida Ekblad, Felix Gmelin, Jeppe Hein, Thomas Helbig, Georg Herold, Thomas Kiesewetter, Jutta Koether, Stefan Kürten, Kirstine Roepstorff, Julian Rosefeldt, Markus Selg, Corinne Wasmuht, Andro Wekua und Thomas Zipp ausgestellt (um niemanden auszulassen).

Es ist eine sehenswerte Ausstellung, aber leider in dieser Galerie sehr steril präsentiert. Die Räume sind zu klar, zu groß und zu kühl. Sie verschlucken jede Stimmung und die lieben Deutsche ja bekanntlich sehr. In einer Führung durch die Ausstellung begann die Kuratorin Patricia Ellis mit englischen Vorurteilen von Deutschen. Sie sprach von unserem Hang zur Präzision, Technik, Wissenschaftlichkeit. Ganz kurz war auch von Caspar David Friedrich die Rede. Betont wurde aber schließlich der deutsche Spaß sowohl am Genauen, als auch am Spielerischen. Den kann man in dieser Sammlung tatsächlich finden, wenn man sich mit deutscher Gründlichkeit die kalten Wände wegdenkt und sich alles ein bisschen eng und gemütlich vorstellt.

Noch bis zum 30. April 2012 www.saatchi-gallery.co.uk/artists/germany_art/

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Englische Mohnblüten

Die Engländer sind ganz ordentliche Nationalisten und haben ein ungebrochenes Verhältnis zum Militär. Vielleicht ist das nicht überraschend. Die Franzosen sind es genauso und wir Deutsche vielleicht auch mehr als wir merken.

Jeden Herbst stecken sich Engländer aller Art rote Mohnblumen ans Revers. Selbst Helen Mirren und Tracey Emin tragen sie: Die Mohnblume des British Legion Poppy Appeals ist das Zeichen des Gedenkens an gefallene Soldaten.

         

Am 11. November 1921 wurde der Legion Poppy Day zum ersten Mal gefeiert im Andenken an das Ende des Ersten Weltkrieges drei Jahre zuvor. In diesem Krieg verlor England mehr Menschen als in jedem anderen Krieg, weswegen er bis heute The Great War genannt wird. Das Symbol der roten Blume wurde nach einem Gedicht gewählt, das die blühenden Mohnblumen auf den verwüsteten Schlachtfeldern von Flandern beschreibt. Für eine Ansteckblume gibt man eine Spende an die British Legion. Diese kommt einer umfassenden praktischen und psychologischen Betreuung von Soldaten zu Gute, die diese Hilfe brauchen, weil sie verletzt oder behindert wurden. Auch Zusammentreffen von pensionierten Veteranen werden ermöglicht und Kriegsgräber gepflegt.

Als Deutscher kann man das Gedenken an die Toten von 1914-1918 teilen (und muss sich fragen, warum wir ausgerechnet an diesem Tag den Beginn der Karnevalssaison feiern müssen). Auch für den Zweiten Weltkrieg fällt es leicht, mitzutrauern und dem britischen Militär dankbar zu sein. Es waren für die Engländer sogenannte gute Kriege, weil die Rollen zwischen Gut und Böse klar verteilt waren.

Doch der Poppy Appeal beschränkt sich nicht nur auf Friedenseinsätze der Armee. Es geht um das Gedenken aller gefallener britischer Soldaten in allen bewaffneten Konflikten. Er umfaßt also auch die imperialistischen Kriege und Einsätze der Gegenwart, wie in Nordirland oder gegen den Irak. Auf der Webseite des Appeals wird zur Unterstützung der Armed Forces aufgerufen www.poppy.org.uk/.

Die Engländer sagen, „es geht um die Menschen, die ihr Leben für uns gegeben haben„. Sie scheinen sich hierin gänzlich einig zu sein, fast alle tragen die Mohnblume, vom Hippie zum Banker. Nicht einmal die Occupy Bewegung sagt ein kritisches Wort, auch keine pazifistische Bewegung ist zu vernehmen (gibt es hier eine?). Niemand fragt, was das genau bedeutet „ihr Leben für uns geben„. Niemand sagt, daß die Soldaten die politischen und wirtschaftlichen Interessen ihres Landes und seiner Bewohner mit militärischer Gewalt durchsetzen. Dass diese Menschen Soldaten sind, die im Auftrag ihres Landes andere Menschen mit anderen Interessen töten.

Natürlich ist es ein guter Zweck, wenn leidenden Menschen geholfen wird und ihnen Dankbarkeit gezeigt wird. Aber niemanden scheint zu stören, daß hiermit Folgen von Kriegseinsätzen finanziert werden. Der Verteidigungshaushalt wird mit diesen Spenden entlastet und die Armee so tatsächlich mitfinanziert.

Und die Mohnblume wird nicht nur still getragen. Es gab großes Geschrei im ganzen Königreich, als die FIFA den Spielern der englischen Fußballnationalmannschaft zunächst nicht gestatten wollte, die Poppy beim Spiel heute am 12. November gegen Spanien zu tragen, weil es gegen die Neutralitätsstatuten verstößt. Diese Entscheidung hat alle Briten unglaublich empört. Prinz William und der Premier haben offizielle Beschwerden eingereicht. Wie die Daily Mail berichtete, die sonst im Zusammenhang mit Fußball und Deutschland gern ätzende Nazivergleiche auf den Titel bringt, bekam England überraschenderweise plötzlich deutsche Unterstützung. Nun hat der internationale Fussballverband dem Wunsch also stattgegeben und erlaubt außerdem, daß zur Halbzeit des Spiels britische Soldaten aufmarschieren und ein neues Remembrance Day Lied singen.

Aus meiner Sicht hat es Grossbritannien verpasst, aus dem Gedenken ein universelles zu machen. Es könnte ein Tag für alle Opfer von Kriegen sein, auf der ganzen Welt. Ein Tag gegen Kriege und für den Frieden. Auch ein Tag nur für gefallene Soldaten – aller Länder.

Stattdessen kann dieser Tag für Menschen anderer Länder, zumal solcher, die tatsächlich Gegner oder sogar Opfer der britischen Interessen sind, eine Beleidigung sein. Aber den meisten Briten ist das nicht bewußt und gar nicht so gemeint. Die Briten haben ein anderes Verhältnis zu ihrem Militär und ihrer eigenen Geschichte. Es gab und gibt hier keine kritische Aufarbeitung dunkler Seiten der britischen Geschichte und überhaupt keine Vorstellung davon, daß nicht alles Grund zu Stolz gibt.

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Tate 1: Gerhard Richter

Gerhard Richter Lesende. Courtesy San Francisco Museum of Modern Art © Gerhard RichterIn der Tate Modern wird die große Gerhard Richter Retrospektive gezeigt. Es ist brechend voll, obwohl später Samstagabend ist und die Schau noch bis Januar läuft. Die Londoner zahlen 12,70 Pfund, um den Abend hier zu verbringen. Das Publikum besteht aus älteren Damen und Herren am Stock, Alt68ern, cooler Kuratorenszene und Studenten. Alle verehren Richter.

Viele hören den Audioguide und alle lesen die Wandtexte, die in jedem Raum die Themen der grob chronologisch gehängten Ausstellung erklären. Trauben von Menschen stehen vor allen Werken; den verschwommenen fotografischen Motiven ebenso wie vor den grauen Bildern und den großformatigen abstrakten Spachtelbildern (von denen in der Ausstellung sehr viele zu sehen sind, in jedem Raum).

Einigen deutschen Besuchern ist alles sehr bekannt, manche kennen die Werke Richters seit den 60er Jahren. Unter den Engländern scheint hingegen ein richtiger Hunger nach einer umfassenden Präsentation des Künstlers zu herrschen, aber auch für sie gibt es viele Wiederbegegnungen: In den letzten Jahren waren Portraits in der National Portrait Gallery zu  sehen, Farbfelder in der Serpentine Gallery und übermalte Albumphotos in der Whitechapel Gallery.

Was fasziniert sie also an diesem facettenreichen Künstler so sehr? Ist es die Thematisierung von Konsum oder deutscher Geschichte wie unaufgearbeiteter Nationalismusvergangenheit und der RAF? Ist es die radikale Auseinandersetzung mit Duchamp, der Verfremdung von Wahrnehmung und dem Ausdruck von Gesetzen des Zufalls? Sind es Ikonen wie die Kerze?

Gerhard Richter Mustang-Staffel 1964, Museum Frieder Burda, Baden-Baden.Die früheren Werke sind inzwischen ein halbes Jahrhundert alt. Sie sind schon durch ihre Materialität und Historizität spannend. Von vielen Werken kennen wir die Rezeptionsgeschichte und ihren Platz in der deutschen Kunst und Gesellschaft.

Gut ist andererseits zu sehen, wie Richter offenbar über viele Jahre hinweg an seinen Rakel-Bildern arbeitet. Man sieht diesen Bildern an, dass der Künstler sich an ihnen gern austobt und ausprobiert. Sind sie deswegen alle gut? Und bringen sie dem Besucher in der grossen Zahl eine grössere Erkenntnis?

Die Ausstellung zeigt die verschiedenen Teile des Werkes nebeneinander, wohl um Richters Arbeitsweise gerecht zu werden. Der Künstler scheint keine Ausdrucksweise je aufzugeben sondern immer wieder und oft parallel zu ihnen zurückzukehren. Aber das Publikum ist von der Hängung irritiert. Die Werke sind es voneinander auch. Sie scheinen ihre Aura einzubüßen und lassen den Betrachter zwar vielleicht aufgeklärter, aber auch ein wenig entzaubert zurück.

In der Galerie Daniel Blau am Hoxton Square werden übrigens zeitgleich zur Ausstellung Fotos von Benjamin Katz ausgestellt, die Richter bei der Arbeit im Atelier zeigen:

www.danielblau.com/exhibitions/2011/benjamin-katz/

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