Estorick Collection – Zoran Music

Vor einigen Tagen habe ich die Estorick Collection im Stadtteil Islington besucht. Diese Sammlung Italienischer Moderne wurde von dem Amerikaner Eric Estorick (1913-1993) und seiner deutschstämmigen Frau Salome (geb. Dessau, 1920-1989) zusammengetragen.

Hier ist der Link www.estorickcollection.com

Besonders in den 1950er Jahren reisten sie oft nach Italien und kauften so viele Zeichnungen, Druckgraphiken und Gemälde der von ihnen geliebten Maler, wie sie nur irgendwie transportieren konnten. Eine besondere Leidenschaft entwickelten sie für die Kunst der Futuristen wie Umberto Buccioni, Carlo Carrà, Gino Severini und Giacomo Balla. Aus dieser Zeit besitzt die Sammlung einige tolle kraftvolle Werke.

Eine enge Freundschaft entstand auch zu Zoran Music. Die sehr schöne Sonderausstellung „Double Portrait“ zeigt Werke des Künstlers und seiner Frau aus allen Schaffensperioden.

Zoran Music (1909-2005) wurde an der italienisch-slovenischen Grenze geboren, ging zum Studium nach Zagreb und Spanien, bevor er in Italien und Frankreich lebte. In Venedig lernte er die Künstlerin Ida Barbarigo kennen. Kurze Zeit später, im Oktober 1944, wurde Music jedoch verhaftet und im Konzentrationslager Dachau interniert. Glücklicherweise hat er es überlebt.

Diese Zeit, in der er heimlich hunderte von Zeichnungen machte, die er größtenteils verbrennen mußte, hat ihn offenbar auch als Künstler sehr geprägt. Wie man in der Ausstellung erfährt, hat er sogar in der Bibliothek des Lagers deutsche Literatur und Kunstgeschichte gelesen.

Sich vorzustellen, wie sich Menschen sogar in der Todesmaschine der Lager mit Kunst und Literatur am Leben hielten, ist ein zutiefst bewegender Teil der menschlichen Geschichte und geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Es ist kaum faßbar, wie Music darum gekämpft haben muß, sein Wesen als Mensch und Künstler in dieser Situation zu erhalten.

Als ich in einer der Vitrinen ein Buch des deutschen Insel Verlages entdeckte mit dem Titel „Rembrandt Handzeichnungen“ und dem roten Stempel „Lager Bücherei“, lief mir plötzlich ein kalter Schauer über den Rücken. Es war ein fast surreales Gefühl, dieses Buch mit deutscher Schrift, das Music aus dem Lager mitgenommen hatte, hier in London zu sehen. Auch der Bücherausweis liegt darunter mit der Gefangenennummer, der Blocknummer und dem Namen des Blockältesten.

Im Ausland etwas von Zuhause zu sehen, einen Namen, ein Foto oder nur die Schrift der Muttersprache gibt sicher nicht nur mir immer ein starkes Gefühl von Heimat. Aber daß in diesem Fall Schrecken, Leid und Tod damit verbunden sind, hat mich angesichts dieser Zeugnisse schwer erschüttert.

Anhand dieses kleinen gestempelten Buches könnte man die Geschichte des 20. Jahrhunderts und eine Geschichte der Kraft des menschlichen Geistes schreiben.

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Eine Antwort zu Estorick Collection – Zoran Music

  1. konstanze schreibt:

    Der Bericht kommt einem sehr nahe

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