Engländer – dunkle Beobachtungen

Zwei Wochen sind seit den Riots vergangen und ist unklar, welche politischen Konsequenzen gezogen werden. Es gab Äußerungen von allen Seiten, am Wochenende meldete sich sogar Tony Blair in einem seltenen Statement. Auch er hatte einige richtige Argumente, sprach aber ablenkend von einer allgemeinen Entwicklung in den westlichen Industriestaaten im späten 20. Jahrhundert. Insgesamt bleiben die Kommentatoren sehr allgemein und theoretisch. Der einfachste und gleichzeitig klarste Kommentar kam von Prince Charles und Camilla. Bei einem Besuch betroffener Stadtteile sagten sie, es sei ein lauter Hilfeschrei, wenn Jugendliche Halt in Gangs suchten und Gewalt ausübten.

Eigentlich liegen die Gründe auf der Hand: Ein geschlossenes Schulsystem, hohe Jugendarbeitslosigkeit, eine sichtbare Klassengesellschaft und eine Schere zwischen Arm und Reich, die zuletzt im Victorianischen Zeitalter so sehr auseinander ging. Es ist der Kapitalismus, jeder kämpft für sich und zeigt, was er hat. Empörend ist, wie systematisch und auswegslos die Ungleichheit ist. Es ist kein Wunder, daß Menschen darüber frustriert werden.

Im The Oxford History of Britain wundern sich die Autoren über das 19. Jahrhundert, wieso es in England keine mit Deutschland oder anderen Ländern vergleichbare Arbeiterbewegung gab (obwohl Friedrich Engels hier doch 1845 seine Lage der arbeitenden Klassen in England veröffentlichte). Und auch für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und die Thatcher Ära fragt sich ein Autor, wieso sich die breite untere Gesellschaft – mit Ausnahme der Minenkumpel – relativ ruhig in ihr Schicksal gefügt hat.

Sicher war es nicht immer ruhig, aber Tote gab es doch kaum. Einer der Gründe war vielleicht der Konsum und die Unterhaltungsindustrie. Das neue Paar Turnschuhe bringt kurzfristig Befriedigung, mit dem Fernseher werden die Menschen abgelenkt, verdummt und scheinbar ruhig gehalten. Wie sich jetzt zeigt, verhält es sich dabei aber wie mit Goethes Zauberlehrling: Die ich rief die Geister, werd ich nun nicht los.

Erschreckend ist die Intensität der Aggression, die sich offenbar angestaut hat. Denn es ging ja nicht nur um einige eingeschlagene Schaufenster großer Ketten und das Plündern von ein paar Konsumartikeln. Es herrschte rohe Gewalt, die sich gegen alles gerichtet hat, was greifbar war. Und vor allem: Auch gegen Menschen auf offener Straße. Ein Junge wurde in der Fahrt von seinem Motorrad gerissen und das Fahrzeug gestohlen, kleine Kioske wurden überfallen, es wurde in Privathäuser (!) eingedrungen und Privateigentum in Brand gesetzt. Ein Passant, der sich ruhig vor ein Schaufenster stellte, wurde brutal mit einem Feuerlöscher angegriffen. Das ist es, was erschreckend ist. Hier herrscht totale Entfremdung (der Mann vor dem Schaufenster trug ein Jacket). Es gibt keine Hemmschwelle menschlichen Mitgefühls, die der Gewalt Einhalt gebietet.

Auch auf der anderen Seite herrscht kein Maß. Im Eilverfahren wurden bereits hunderte von Menschen verurteilt. Ein Junge bekam vor Gericht für das Mitnehmen einer Wasserflasche eine Haftstrafe von 6 Monaten, zwei weitere Jugendliche müssen für jeweils 4 Jahre ins Gefängnis weil sie über Facebook zu einer Gewaltaktion aufgerufen hatten (die nie stattfand). Keiner der drei war jemals zuvor auffällig geworden. So werden aus durchgeknallten Teenagern Kriminelle.

In Londons Zentrum herrscht die offene multikulturelle Gesellschaft, für die wir die Stadt bewundern und lieben. Es treffen sich hier interessante Menschen aus der ganzen Welt. Deswegen sind wir Ausländer alle hier. Aber die englische Gesellschaft ist in sich getrennt und verschlossen. Ich bin pessimistisch, daß die Oberschicht in England jemals ihre Schulen öffnen wird. Und in diesem Jahr bekommen wieder über 200.000 Schulabgänger keinen Studienplatz.

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