Tate 1: Gerhard Richter

Gerhard Richter Lesende. Courtesy San Francisco Museum of Modern Art © Gerhard RichterIn der Tate Modern wird die große Gerhard Richter Retrospektive gezeigt. Es ist brechend voll, obwohl später Samstagabend ist und die Schau noch bis Januar läuft. Die Londoner zahlen 12,70 Pfund, um den Abend hier zu verbringen. Das Publikum besteht aus älteren Damen und Herren am Stock, Alt68ern, cooler Kuratorenszene und Studenten. Alle verehren Richter.

Viele hören den Audioguide und alle lesen die Wandtexte, die in jedem Raum die Themen der grob chronologisch gehängten Ausstellung erklären. Trauben von Menschen stehen vor allen Werken; den verschwommenen fotografischen Motiven ebenso wie vor den grauen Bildern und den großformatigen abstrakten Spachtelbildern (von denen in der Ausstellung sehr viele zu sehen sind, in jedem Raum).

Einigen deutschen Besuchern ist alles sehr bekannt, manche kennen die Werke Richters seit den 60er Jahren. Unter den Engländern scheint hingegen ein richtiger Hunger nach einer umfassenden Präsentation des Künstlers zu herrschen, aber auch für sie gibt es viele Wiederbegegnungen: In den letzten Jahren waren Portraits in der National Portrait Gallery zu  sehen, Farbfelder in der Serpentine Gallery und übermalte Albumphotos in der Whitechapel Gallery.

Was fasziniert sie also an diesem facettenreichen Künstler so sehr? Ist es die Thematisierung von Konsum oder deutscher Geschichte wie unaufgearbeiteter Nationalismusvergangenheit und der RAF? Ist es die radikale Auseinandersetzung mit Duchamp, der Verfremdung von Wahrnehmung und dem Ausdruck von Gesetzen des Zufalls? Sind es Ikonen wie die Kerze?

Gerhard Richter Mustang-Staffel 1964, Museum Frieder Burda, Baden-Baden.Die früheren Werke sind inzwischen ein halbes Jahrhundert alt. Sie sind schon durch ihre Materialität und Historizität spannend. Von vielen Werken kennen wir die Rezeptionsgeschichte und ihren Platz in der deutschen Kunst und Gesellschaft.

Gut ist andererseits zu sehen, wie Richter offenbar über viele Jahre hinweg an seinen Rakel-Bildern arbeitet. Man sieht diesen Bildern an, dass der Künstler sich an ihnen gern austobt und ausprobiert. Sind sie deswegen alle gut? Und bringen sie dem Besucher in der grossen Zahl eine grössere Erkenntnis?

Die Ausstellung zeigt die verschiedenen Teile des Werkes nebeneinander, wohl um Richters Arbeitsweise gerecht zu werden. Der Künstler scheint keine Ausdrucksweise je aufzugeben sondern immer wieder und oft parallel zu ihnen zurückzukehren. Aber das Publikum ist von der Hängung irritiert. Die Werke sind es voneinander auch. Sie scheinen ihre Aura einzubüßen und lassen den Betrachter zwar vielleicht aufgeklärter, aber auch ein wenig entzaubert zurück.

In der Galerie Daniel Blau am Hoxton Square werden übrigens zeitgleich zur Ausstellung Fotos von Benjamin Katz ausgestellt, die Richter bei der Arbeit im Atelier zeigen:

www.danielblau.com/exhibitions/2011/benjamin-katz/

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