Englische Mohnblüten

Die Engländer sind ganz ordentliche Nationalisten und haben ein ungebrochenes Verhältnis zum Militär. Vielleicht ist das nicht überraschend. Die Franzosen sind es genauso und wir Deutsche vielleicht auch mehr als wir merken.

Jeden Herbst stecken sich Engländer aller Art rote Mohnblumen ans Revers. Selbst Helen Mirren und Tracey Emin tragen sie: Die Mohnblume des British Legion Poppy Appeals ist das Zeichen des Gedenkens an gefallene Soldaten.

         

Am 11. November 1921 wurde der Legion Poppy Day zum ersten Mal gefeiert im Andenken an das Ende des Ersten Weltkrieges drei Jahre zuvor. In diesem Krieg verlor England mehr Menschen als in jedem anderen Krieg, weswegen er bis heute The Great War genannt wird. Das Symbol der roten Blume wurde nach einem Gedicht gewählt, das die blühenden Mohnblumen auf den verwüsteten Schlachtfeldern von Flandern beschreibt. Für eine Ansteckblume gibt man eine Spende an die British Legion. Diese kommt einer umfassenden praktischen und psychologischen Betreuung von Soldaten zu Gute, die diese Hilfe brauchen, weil sie verletzt oder behindert wurden. Auch Zusammentreffen von pensionierten Veteranen werden ermöglicht und Kriegsgräber gepflegt.

Als Deutscher kann man das Gedenken an die Toten von 1914-1918 teilen (und muss sich fragen, warum wir ausgerechnet an diesem Tag den Beginn der Karnevalssaison feiern müssen). Auch für den Zweiten Weltkrieg fällt es leicht, mitzutrauern und dem britischen Militär dankbar zu sein. Es waren für die Engländer sogenannte gute Kriege, weil die Rollen zwischen Gut und Böse klar verteilt waren.

Doch der Poppy Appeal beschränkt sich nicht nur auf Friedenseinsätze der Armee. Es geht um das Gedenken aller gefallener britischer Soldaten in allen bewaffneten Konflikten. Er umfaßt also auch die imperialistischen Kriege und Einsätze der Gegenwart, wie in Nordirland oder gegen den Irak. Auf der Webseite des Appeals wird zur Unterstützung der Armed Forces aufgerufen www.poppy.org.uk/.

Die Engländer sagen, „es geht um die Menschen, die ihr Leben für uns gegeben haben„. Sie scheinen sich hierin gänzlich einig zu sein, fast alle tragen die Mohnblume, vom Hippie zum Banker. Nicht einmal die Occupy Bewegung sagt ein kritisches Wort, auch keine pazifistische Bewegung ist zu vernehmen (gibt es hier eine?). Niemand fragt, was das genau bedeutet „ihr Leben für uns geben„. Niemand sagt, daß die Soldaten die politischen und wirtschaftlichen Interessen ihres Landes und seiner Bewohner mit militärischer Gewalt durchsetzen. Dass diese Menschen Soldaten sind, die im Auftrag ihres Landes andere Menschen mit anderen Interessen töten.

Natürlich ist es ein guter Zweck, wenn leidenden Menschen geholfen wird und ihnen Dankbarkeit gezeigt wird. Aber niemanden scheint zu stören, daß hiermit Folgen von Kriegseinsätzen finanziert werden. Der Verteidigungshaushalt wird mit diesen Spenden entlastet und die Armee so tatsächlich mitfinanziert.

Und die Mohnblume wird nicht nur still getragen. Es gab großes Geschrei im ganzen Königreich, als die FIFA den Spielern der englischen Fußballnationalmannschaft zunächst nicht gestatten wollte, die Poppy beim Spiel heute am 12. November gegen Spanien zu tragen, weil es gegen die Neutralitätsstatuten verstößt. Diese Entscheidung hat alle Briten unglaublich empört. Prinz William und der Premier haben offizielle Beschwerden eingereicht. Wie die Daily Mail berichtete, die sonst im Zusammenhang mit Fußball und Deutschland gern ätzende Nazivergleiche auf den Titel bringt, bekam England überraschenderweise plötzlich deutsche Unterstützung. Nun hat der internationale Fussballverband dem Wunsch also stattgegeben und erlaubt außerdem, daß zur Halbzeit des Spiels britische Soldaten aufmarschieren und ein neues Remembrance Day Lied singen.

Aus meiner Sicht hat es Grossbritannien verpasst, aus dem Gedenken ein universelles zu machen. Es könnte ein Tag für alle Opfer von Kriegen sein, auf der ganzen Welt. Ein Tag gegen Kriege und für den Frieden. Auch ein Tag nur für gefallene Soldaten – aller Länder.

Stattdessen kann dieser Tag für Menschen anderer Länder, zumal solcher, die tatsächlich Gegner oder sogar Opfer der britischen Interessen sind, eine Beleidigung sein. Aber den meisten Briten ist das nicht bewußt und gar nicht so gemeint. Die Briten haben ein anderes Verhältnis zu ihrem Militär und ihrer eigenen Geschichte. Es gab und gibt hier keine kritische Aufarbeitung dunkler Seiten der britischen Geschichte und überhaupt keine Vorstellung davon, daß nicht alles Grund zu Stolz gibt.

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Eine Antwort zu Englische Mohnblüten

  1. Jen schreibt:

    Da fällt mir doch nur ein:
    Oh ihr Engländer!
    😉

    Wenn man mal nicht weiter weiß: Otto fragen.

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