Gesamtkunstwerk

Letzte Woche wurde die Ausstellung Gesamtkunstwerk in der Saatchi Gallery eröffnet. In dem großen hellen Haus waren hunderte Menschen unterwegs. Unter den Besuchern waren einige halb bekannte Gesichter, aber eigentlich niemand wirklich Prominentes. Seltsamerweise war auch überhaupt kein Deutsch zu hören. Erst im obersten der vier Stockwerke, vor der Wand mit Steckbriefen und Fotos der Künstler, änderte sich das. Ich hatte gerade ganz überrascht jemanden aus meiner Schulzeit unter den Künstlern erkannt, als aus einer Gruppe neben uns jemand auch auf deutsch rief „ach cool, den kenne ich, mit dem war ich mal ein Bier trinken„.

Während einige Künstler in London gut bekannt sind wie Isa Genzken, Josephine Meckseper, Friedrich Kunath (der erst vor kurzem eine Einzelausstellung bei White Cube hatte) oder Andre Butzer und Gert & Uwe Tobias, sind andere noch nicht oft zu sehen gewesen. Es werden nicht nur die absoluten Topstars der deutschen Szene gezeigt, aber wohl alle waren schon in größeren Galerien oder auf Messen zu sehen.

        

Auf der Frieze waren mir zwei Künstler wieder aufgefallen, die hier auch vertreten sind: Volker Hueller (Produzentengalerie Hamburg und Timothy Taylor London) und der Bremer Max Frisinger (CFA Berlin). Wie ich nun merke, waren beide Schüler des großartigen Norbert Schwontkowski, der in Hamburg unterrichtet. Von Volker Hueller hängen hier mit Aquarell überarbeite Radierungen, die an Horst Janssen erinnern. Auch zwei große Gemälde von ihm sind zu sehen, die in einer ähnlichen Tonlage spielen. Max Frisingers Vitrinen wirken wie dreidimensional gebauter Kubismus und erinnern daneben an Dadakünstler wie Kurt Schwitters. Es sind scheinbar müllige aber tatsächlich wunderbar komponierte abstrakte Wimmelbilder.

Der Star der Ausstellung ist vielleicht Josephine Meckseper mit ihren Schaukästen und einem Schuhständer. Besonders begeistert standen klassicherweise Frauen aller Länder und aller Altersstufen davor. Viele mußten beim Anblick der Auslagen lachen. Man fühlt sich an Vitrinen der 80er Jahre in verlassen Orten wie UBahnstationen oder Fussgängerpassagen erinnert, die es auch heute noch an Orten wie Berlin Neukölln gibt. Die Preise in den Schuhen waren in Euro angegeben.

In den riesigen Hallen werden außerdem Werke von Dirk Bell, Alexandra Bircken, Zhivago Duncan, Ida Ekblad, Felix Gmelin, Jeppe Hein, Thomas Helbig, Georg Herold, Thomas Kiesewetter, Jutta Koether, Stefan Kürten, Kirstine Roepstorff, Julian Rosefeldt, Markus Selg, Corinne Wasmuht, Andro Wekua und Thomas Zipp ausgestellt (um niemanden auszulassen).

Es ist eine sehenswerte Ausstellung, aber leider in dieser Galerie sehr steril präsentiert. Die Räume sind zu klar, zu groß und zu kühl. Sie verschlucken jede Stimmung und die lieben Deutsche ja bekanntlich sehr. In einer Führung durch die Ausstellung begann die Kuratorin Patricia Ellis mit englischen Vorurteilen von Deutschen. Sie sprach von unserem Hang zur Präzision, Technik, Wissenschaftlichkeit. Ganz kurz war auch von Caspar David Friedrich die Rede. Betont wurde aber schließlich der deutsche Spaß sowohl am Genauen, als auch am Spielerischen. Den kann man in dieser Sammlung tatsächlich finden, wenn man sich mit deutscher Gründlichkeit die kalten Wände wegdenkt und sich alles ein bisschen eng und gemütlich vorstellt.

Noch bis zum 30. April 2012 www.saatchi-gallery.co.uk/artists/germany_art/

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