Angriff auf die Yellow Press

Die Engländer üben den Aufstand. Schon seit ein paar Jahren hatte es rumort, jetzt passiert es endlich: Die Yellow Press wird angegriffen. Eine Zeitung, die News of the World aus Rupert Murdochs Portfolio, wurde bereits eingestellt, andere wie die Daily Mail oder die Sun werden auch schon genannt.

Die Leveson Inquiry, ein Untersuchungsausschuss mit dem Vorsitzenden Lord Leveson, hört seit einigen Wochen Opfer und Täter in einem Presseskandal, in dem es um abgehörte Telefone, gehackte Computer und weitere Formen der Spionage und Verfolgung durch Reporter geht. Nachdem es in den letzten Jahren gelegentlich Verurteilungen von Reportern und Journalisten gab, die mit illegalen Abhörmethoden an exklusive Stories gekommen waren, erfährt die Öffentlichkeit seit dem Sommer, welches Ausmaß diese Machenschaften tatsächlich haben und wie sie zum üblichen Geschäft geworden sind.

Vor einigen Monaten hatte u.a. die Schauspielerin Sienna Miller vor Gericht gegen News of the World und Rupert Murdochs Mediengruppe News International geklagt und gewonnen. Ihr Mobiltelefon und die dazugehörige Mailbox waren gehackt und der Inhalt in reißerischen Exklusiv Stories veröffentlicht worden. In diesem wie auch in vergangenen Fällen hatte News of the World Fehlverhalten einzelner Mitarbeiter gesprochen und diese schnell entlassen. Bis zu 1 Millionen Pfund wurden an Opfer gezahlt, um die Gerichtsverhandlungen abzukürzen und weitere Fragen zu verhindern. Doch diese Fragen wurden gestellt. In den vorhandenen Gerichtsunterlagen wurden Belege dafür gefunden, daß Redakteure und Chefredakteure von den offenbar üblichen Methoden wußten.

Schon 2007 hatte der damalige Chefredakteur der News of the World Andy Coulson nach der Verurteilung eines ihm unterstellten Kollegen bei der Zeitung gekündigt. Trotz Warnungen nahm David Cameron ihn anschließend als Kommunikationsdirektor in sein Team. Im Januar 2011 mußte Coulson unter dem öffentlichen Druck auch diesen Posten räumen (die Blamage über diese persönliche Fehlentscheidung blieb für Cameron ohne Folgen). Heute gibt ein ehemaliger Kollege zu Protokoll, daß die Methoden durch Coulson und den Vorgänger Piers Morgan (heute ein Star-Moderator im amerikanischen Fernsehen) unterstützt und eingeführt wurden.

Im Herbst diesen Jahres wurden sogar Murdoch Junior und Senior vor einen Ausschuß gerufen. Kurz darauf wurde News of the World eingstellt. Doch die Geschichte geht weiter denn sie ist damit noch nicht aufgeklärt. Und sie ist viel größer. Inzwischen werden die Namen Daily Mail, Mail on Sunday und einige mehr genannt.

Eine großartige Hauptrolle spielt Hugh Grant, der den ganzen Herbst auf allen Wegen, sogar auf den (sichtlich ermüdenden) Parteitagen aller Parteien, für eine weitere Aufklärung gekämpft hat (hier in Video vom Labour Parteitag. Sein leidenschaftlicher und erstaunlich kenntnisreicher und professioneller Einsatz hat ihm viel Respekt eingebracht, der Guardian titelte Hugh Grant’s phone-hacking role is his greatest yet. Dabei hat er keineswegs nur für sich gekämpft, denn die Opferliste ist lang und schrecklich. Nicht nur ehebrechende Fussballer, Politiker oder Schauspieler sind darunter, sondern auch Mordopfer und deren Angehörige, deren Geschichten schon tragisch genug waren. Als bekannt wurde, dass auch das Handy des Mordopfers Milly Dowler gehackt worden war, während das Mädchen noch gesucht wurde, kippte die Stimmung in der Öffentlichkeit endgültig. Die Eltern dachten, ihre Tochter höre ihre Nachrichten selbst ab und glaubten, sie sei noch am Leben.

Schrecklich sind in vielen Fällen auch die Folgen der Abhörungen, denn die Opfer wussten lange Zeit nicht, wie privateste Geschichten auf Titelseiten gelangten und begannen, ihrer nächsten Umgebung zu mißtrauen. Die ehemalige Beraterin von Elle Macpherson beispielsweise wurde entlassen, weil das Supermodel ihr nicht mehr traute. Private Details waren auch hier auf die Titelseite gekommen und Macpherson fand als einzige Erklärung eine unehrliche Beraterin. Als diese die Vorwürfe abstritt, wurde sie gezwungen, sich wegen angeblicher Alkoholprobleme in einer psychiatrischen Klinik behandeln zu lassen (in der sich das Supermodel zuvor selbst befunden hatte). Kurz darauf wurde sie entlassen. Sie brauchte Jahre, um aus der Arbeitslosigkeit zu finden und sich von den psychischen Folgen zu erholen. Erst jetzt wird ihr geglaubt (Elle Macpherson hat sich bei ihr aber offenbar noch nicht gemeldet).

J.K. Rowling, die Autorin der Harry Potter Bücher, fand vor einigen Jahren eine Botschaft eines Reporters im Schulranzen ihrer damals fünf Jahre alten Tochter und berichtete, wie sie einmal eine ganze Woche nicht das Haus verlassen konnte, weil die Belagerung durch Paparazzi so massiv geworden war.

Auch ehemalige Reporter werden gehört. Paul Mcmullan, der inzwischen einen Pub betreibt, schien es regelrecht zu genießen, die alten Geschichten zu erzählen. Er habe die Verfolgungsjagden absolut geliebt, sagte er, und bis Diana starb hätten sie alle sehr viel Spaß gehabt. Er konnte berichten, daß alle, inklusive der Chefredakteure von den Machenschaften wußten und sie förderten. In den 21 Jahren, in denen er in das Privatleben anderer Menschen eingedrungen sei, habe er dort niemals Gutes gefunden, sagte er verteidigend. Offenbar sieht er sich bis heute als großer Aufklärer. Nur eine seiner Stories bereut er: Die entwürdigende Geschichte über die auf der Straße bettelnde und sich prostituierende Tochter eines bekannten Schauspielers, die sich kurz nach der Veröffentlichung den goldenen Schuß versetzte und starb.

Doch nun scheint sich das Blatt zu wenden. Hoffentlich wird man bald Schlagzeilen wie diese von 2008 nur noch selten sehen, selbst wenn sie stimmen. Der frühere Formel 1 Chef Max Mosley, Sohn des Gründers der British Union of Fascists in den 1930er Jahren, wurde von News of the World sogar noch nach Erscheinen dieser Schlagzeile mit der Veröffentlichung eines Videos des Geschehens erpreßt. Offenbar war er im Auftrag der Zeitung von einem Detektiv beschattet worden. Mosley bestritt allein den Nazi-Zusammenhang und bestand darauf, daß sein Sexualleben Privatsache ist. Eine große entsprechende Klage gewann er.

Die Zeugenliste ist lang und kann auf der Webseite des Ausschusses zusammen mit allen Hintergründen eingesehen werden: www.levesoninquiry.org.uk

Nun ist die britische Öffentlichkeit höchst gespannt, welche Folgen die Untersuchung haben wird. Vermutlich wird Lord Leveson ein neues Gesetz empfehlen. Doch der Wandel muss auch in der Öffentlichkeit selbst stattfinden, die süchtig nach Skandalen ist. Und es darf nicht sein, daß ein zweitklassiger Reporter mit einer fabrizierten Geschichte den Ruf und den Verstand eines Menschen zerstören kann. Wie es aussieht werden es Zeitungen und Verlage in der Zukunft aber schwerer haben, das Gesetz zu brechen und routinemäßig Abhörung und Verfolgung zu betreiben. Vielleicht werden die großen Summen, die dafür eingesetzt wurden, nun für eine neue Gehaltsregelung von Reportern genutzt, die das Einkommen unabhängig von der Ablieferung reißerischer Stories regelt.

Hier sind alle genannten Aussagen der Zeugen als Videos zu finden: http://www.guardian.co.uk/media/series/leveson-inquiry-evidence

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