Jubilation

Die häßliche Uhr auf dem Trafalgar Square tickt: In 72 Tagen gehen die Olympischen Spiele los und dann steigt in London das größte Sportfest der Welt. England braucht diese internationale Aufmerksamkeit. Die Wirtschaft läuft nicht so, wie man sich das vorgestellt hatte. Auch wenn selbstverständlich Europa Schuld trägt, ist doch das Selbstverständnis der eigenen Größe durch die finanzielle Lage etwas irritiert. Zuletzt schien das Land international nicht mehr richtig ernst genommen zu werden. Zum Glück aber gibt es Olympia und die Welt wird wieder auf dieses Land schauen und die Wirtschaft wieder in Gang bringen.

Wenn das nicht reichen sollte, gibt es in diesem Jahr noch ein zweites Ereignis, das wenigsten die eigenen Landsleute in Begeisterung versetzt und die Länder des Commonwealth zu Verehrung verpflichtet: Das 60. Thronjubiläum von Queen Elizabeth II. Hier ist die niedliche offizielle Webseite: www.thamesdiamondjubileepageant.org

Die 84jährige Königin ist fast so lange wie die Rekordhalterin Queen Viktoria auf dem Thron und absolviert noch heute ein Arbeitspensum mit mehr Terminen als das Jahr Tage hat. In der Post-Diana Ära scheint sie entspannter und großzügiger geworden zu sein und ihre Familie, besonders die Enkel, aktiv zu unterstützen und einzubeziehen. Ihre in den Jahrzehnten gepflegte kühle Haltung hat auch Ruhe und Kontinuität gebracht und das Königshaus im 20. und 21. Jahrhundert als überparteiliche nationale Institution gestärkt. Vor dieser Dame kann man heute Respekt haben und ihr gratulieren.

Anfang Juni wird die 60jährige Regentschaft der Queen 4 Tage lang gefeiert. Das Volk bekommt zwei Feiertage geschenkt. Geplant ist unter anderem eine Parade auf der Themse im Stile früherer Jahrhunderte. Für dieses diamantene Jubiläum wird es die größte je auf diesem Fluß gesehene Feier werden mit hunderten prächtig geschmückter Boote, angeführt von der aus diesem Anlaß neu gebauten königlichen Barke (unten als Model).

Am letzten Wochenende wurde im königlichen Wohnsitz Windsor bereits vorgefeiert: Zu Ehren der Königin wurde 4 Tage lang eine Gala mit Pferden veranstaltet. Die größte Leidenschaft der Queen sind Pferde, sie reitet bis heute, besitzt einen eigenen Rennstall und ihre Lieblingsfamilienmitglieder sind aktive Reiter. Es war daher eine passende Veranstaltung.

Doch was sich im beschaulichen Windsor und auf dem Privatgrund der Königin ereignete kam offenbar eher einem Spektakel der Antike nahe. Jedenfalls glaubt man nicht an eine Beschreibung aus dem 21. Jahrhundert wenn es heißt, zu Ehren der Queen seien hunderte von Pferden und eintausend Tänzer aus allen Teilen der Welt und des Commonwealth  gekommen.

Manche Pferde wurden per Flugzeug, andere wochenlang auf dem Landweg nach England gebracht. Auch logistisch ein riesiges Unternehmen. Tänzer aus Chile, Kenia, von den Cook Islands und von den Maori traten im traditionellen Kostüm mit Bändern oder Muscheln geschmückt auf. Pakistanische, kanadische, russische Armee und Polizei, italienische Carabinieri, Reiter aus dem Oman, Aserbaidschan ritten in Uniform ein.

Man denkt zurück in Zeiten und Länder, in denen Königreiche und Unterworfene durch Darbietungen mit Pferden und Paraden ihre Loyalität bekundeten. Man denkt an Persien, Rom, Byzanz. Oder man ist an eine Szene aus Lawrence von Arabien erinnert, als der arabische Beduinenführer (gespielt von Anthony Quinn) verzweifelt nach ehrenvoller Beute sucht und sie erst in einer Herde Araberpferde findet.

Offenbar sind Mensch und Pferd bis heute die höchste Form, Herrschaft edel und kraftvoll zu präsentieren. Pferd und Reiter in derartiger Anzahl anreisen zu lassen, um der Königin der ehemals größten Kolonialmacht die Ehre zu erweisen hat etwas sehr Altertümliches. Das hat das Land gern, gerade jetzt.

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